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08.08.2011

Strukturieren statt formulieren

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Forschung & Lehre 2010; 2: 118-119

Einfache Regeln, um eine wissenschaftliche Arbeit effektiver zu schreiben


Wenn Forschungsergebnisse zu Papier gebracht werden sollen, erleben viele Wissenschaftler eine merkwürdige Verwandlung: Obwohl sie gewöhnlich strukturiert und zielgerichtet arbeiten, starren sie plötzlich minutenlang auf einen leeren Bildschirm, brüten über einzelnen Sätzen und hadern mit jedem Wort. Sie verhalten sich so, als wären sie Schriftsteller – zumindest glauben sie das.


Wenn ich einen Kurs im wissenschaftlichen Schreiben halte, frage ich zu Beginn nach den Schwierigkeiten der Teilnehmer. „Ich sitze eine halbe Stunde an einem Satz“ oder „ich finde keinen Anfang“ sind typische Antworten. Hinterfragt man die Schreibgewohnheiten, stößt man auf die Ursache solcher Probleme: Viele Wissenschaftler beginnen die Arbeit an einem Manuskript auf der Wort- und Satzebene. Bereits im ersten Arbeitsschritt formulieren sie also einen zusammenhängenden Text und schreiben dabei fast durchweg linear. Das heißt: Sie beginnen mit dem ersten Wort und schreiben Satz für Satz dem Ende entgegen, wobei der Schreibprozess von zahlreichen Revisionen einzelner Sätze und Begriffe unterbrochen wird. Gleichzeitig existiert das Ziel des Textes, die Hypothese oder Kernaussage, als rein gedankliches Konstrukt und eine Gliederung wurde – wenn überhaupt – nur stichpunktartig festgehalten. Um ein publikationsfähiges Manuskript zu erzeugen, müssen schließlich weite Teile des ausformulierten Textes umgestellt, gelöscht oder ergänzt werden – diese Schreibstrategie ist nicht sehr effektiv.


Ihr liegt meist ein falsches Bild von der Tätigkeit „Schreiben“ zugrunde. Schreiben wird als Kampf mit Sätzen und Worten, als zäher Kreativprozess, verstanden und weniger als Handwerk. Offenbar existiert hier die romantisierte Vorstellung vom gramgebeugten Romancier, der mit sorgenschwerer Miene an Formulierungen feilt, Ausdrücke abwägt, Worte auf die Goldwaage legt – eine Vorstellung, die kaum auf die vielpublizierenden Romanautoren der Gegenwart zutrifft. Denn moderne Autoren arbeiten äußerst strukturiert; ihre Manuskripte entstehen in definierten Schritten, die wie durch ein Versuchsprotokoll vorgegeben sind: Sie beginnen mit einem Exposé, erstellen eine Gliederung, schreiben die Rohfassung und überarbeiten ihren Text in einem separaten Schritt. Jede dieser Phasen wird vom Verlag und seinen Lektoren einer kritischen Qualitätskontrolle unterzogen – weder Inhalt und Qualität eines Textes noch der Zeitpunkt seiner Fertigstellung bleiben so dem Zufall überlassen.


Wie der Buchmarkt so ist auch die Wissenschaft eine unter Zeitdruck arbeitende Industrie. Für den schreibenden Wissenschaftler lohnt es sich daher, das strukturierte und oft standardisierte Vorgehen moderner Buchautoren zu übernehmen – im Grunde muss er also lediglich seine gewohnte, wissenschaftliche Arbeitsweise auf das Schreiben anwenden ... (vollständiger Text im Download)

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