Profil: Textproben

08.08.2011

Können Naturwissenschaft und Literatur voneinander profitieren?

Texte >>

Naturwissenschaftliche Rundschau 2008; 61(4):178-80

Was kann die Naturwissenschaft von der Literatur lernen?


Wie fremd sind sich Literatur und Naturwissenschaft? Einige erfolgreiche Schriftsteller nehmen aktuelle Forschungsergebnisse auf und bedienen sich naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Wie ist es umgekehrt? Was kann die Naturwissenschaft von der Literatur lernen? Es lohnt, darüber nachzudenken, denn auch Wissenschaftler müssen sich mitteilen: Nur wenn sie ihre Forschung erfolgreich kommunizieren, entsteht Wissen.


Naturwissenschaft und Literatur – werden beide Begriffe in einem Atemzug genannt, denkt heute niemand mehr über die Kluft nach, die die beiden „Kulturen“ trennt. Klimaveränderungen, Kohlendioxidkreislauf und Kernphysik bilden den Hintergrund moderner Romane. Meeresbiologen und andere Naturforscher bevölkern die Literatur neben Königen und Kommissaren. Die von dem Physiker und Romancier C. P. Snow 1959 angestoßene Diskussion über die Ignoranz, mit der sich die Literatur und die Naturwissenschaften angeblich gegenüberstehen [1], interessiert heute niemanden mehr.


Die tiefe Wissenschaftsskepsis, die noch um 1800 den literarischen Kosmos von der naturwissenschaftlich-technischen Welt trennte, erwies sich schon früh als eine „semipermeable Membran“: Naturwissenschaftliche Spuren „diffundierten“ bereits in die Werke von Thomas Mann (1875–1955), Alfred Döblin (1878–1957) und Jules Verne (1828–1905) oder wurden, wie im Fall der Science-Fiction-Erzählungen der 1920er und 30er Jahre, aktiv und zielgerichtet in das Gegenstandsgebiet der Literatur überführt. Spätestens seit den „Carbon Dreams“ von Susan Gaines (2001), dem „Schwarm“ von Frank Schätzing (2004) oder der „Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann (2005) ist die Diskussion über die Unvereinbarkeit von Literatur und Naturwissenschaft „Snow“ von gestern.


Die Schriftsteller unter Ihnen werden an dieser Stelle stutzen: Es sei doch selbstverständlich, werden sie sagen, dass das riesige Themengebiet der Literatur, die Darstellung des Menschen in Raum und Zeit, auch die Naturwissenschaften umfasse. Natürlich basieren auch die fiktiven Welten der Romane auf den physikalischen, chemischen und biologischen Zusammenhängen der belebten und unbelebten Natur und sind von technisch-wissenschaftlichen Umwälzungen betroffen. Die Naturwissenschaften bilden aber nicht nur den Hintergrund von Romanhandlungen, sondern bescheren der Erzählkunst auch schillernde Protagonisten und anschauliche Metaphern: „ … daß [sic] die Menschen, wenn sie einmal im Sinken sind, wenn sie einmal im Sinken sind, wie nach dem Newtonschen Gesetze, immer entsetzlich schneller und schneller ins Elend herabfallen.“ [2]


Oft müssen naturwissenschaftliche Experimente unvermittelt, gewissermaßen als eine „Dea ex machina“, in das Geschehen eingreifen, um blockierte Romanhandlungen zu mobilisieren, wenn etwa einer der zahllosen Serienkiller nur noch durch eine DNA-Analyse überführt werden kann ... (vollständiger Text im Download)


[1] C.P. Snow: The Two Cultures. Cambridge University Press. New York 1959.
[2] H. Heine: Reisebilder. Band 3. Aufbau-Verlag. Berlin, Weimar 1972.

PDF Download

 

Zurück

Profil-Übersicht